Überfahrt Madeira – Falklandinseln

Überfahrt Madeira – Falklandinseln

Vorbereitung und Start 

Dienstag, 16. – Montag, 29. Okt. 2018: Madeira – See (1. – 3. Fahrtentag)

Kaum sind Flurina und Gertrud weggereist, beginne ich alles für die rund 6400 sm lange Überfahrt zu den Falklandinseln vorzubereiten. Alle Wetterprognosen sagen für die nächsten Tage die totale Flaute voraus, doch ab Samstag, 27. Oktober soll sich das gründlich ändern!

Wetterprognose für Samstag, 27. Okt. 2018. 

Diesen Wind darf ich mir keine Sekunde entgehen lassen!!

Letzte Woche, genau bei der Ansteuerung von Machico, ist unser ganzes Navigationssystem zusammengebrochen. Beide Kartenplotter konnten weder eine Seekarte anzeigen, noch eine Position berechnen – einfach alles tot. Auf dem Ankerplatz habe ich herausgefunden, dass ein Verteiler, in dem alle Antennenkabel und die Stromversorgung für das SimNet eingesteckt werden, nur noch bis zur Hälfte funktioniert. Wie so etwas in einem vollständig eingeschweissten Teil passieren kann, ist mir schleierhaft. Mit dem in Machico gebastelten Provisorium möchte ich aber nicht in die Antarktis segeln. Am Montagmorgen frage ich Nils in Bremerhaven wegen Ersatzteilen an, der mir alles sofort per Express schickt. Kaum zu glauben, keine 48 Stunden später, klopft es an Pagan und ein Angestellter der Marina überreicht mir das Paket! Herzlichen Dank, Nils!

Neben der Reparatur am Navigationssystem, baue ich gleich noch den neuen Steuerkompass für den Autopiloten ein. Ich montiere zwei neue Kugelhähne und Siphons, die einen üblen Geruch, der von Zeit zu Zeit aufsteigt, verhindern sollen. 

Werkstatt auf Pagan im 24-Stunden Einsatz.

Weiter besorge ich Gas und Frischvorräte und klariere aus. „Nächster Stopp?“ „Falklandinseln.“ Niemand im Büro hat eine blasse Ahnung, wo diese liegen. “Die südlichste Insel der Kanaren?“ Es wird gegoogelt und sie können es nicht fassen. „Wie lange ist man da unterwegs?“ „Ungefähr zwei Monate, ich hoffe, an Weihnachten dort zu sein.“ Sie schenken mir eine Flagge der Marina da Quinta do Lorde und sagen, wenn ich zurückkomme, müsse ich unbedingt hier vorbeikommen. Ich sei sehr willkommener Ehrengast und werde ganz sicher keine Hafenplatzgebühren zahlen. Ich verspreche Ihnen, ein Foto ihrer Hafenflagge umgeben von Pinguinen zu mailen. Es gibt einen äusserst herzlichen Abschied.

Am Samstagmorgen, 27. Oktober 2018, um 09.30 Uhr löse ich die Leinen und die Angestellten der Marina und viele Kolleginnen und Kollegen von den umliegenden Yachten helfen, Pagan gegen den Wind aus dem Hafenplatz zu stossen. Ich schmunzle: Mehr manpower auf dem Steg als horsepower in der Maschine!  

Der vorausgesagte Wind ist da, packt Pagan kräftig und reisst sie nur unter gereffter Genua mit über 6 Knoten südwärts. 

Ich kann mich überhaupt nicht freuen, tausend negative Gedanken kreisen in meinem Kopf. Alles Unsinn und nochmals Unsinn! Ich finde in nichts, was ich mache und plane nur den geringsten Sinn. Was mache ich da nur? Warum? Warum so weit weg? Warum überhaupt ein Schiff, warum ein solcher Rostkahn? Warum überhaupt unterwegs? Warum in diese verdammte Kälte? Warum solche Risiken eingehen? Was mit Gertrud, den Kindern und Eltern? Sinn, nein, Unsinn des Lebens! Was noch mit den verbleibenden Jahren? Warum…
Dann wird mir zu allem Übel noch richtig schlecht, sodass ich glaube, alle Innereien einzeln erbrechen zu müssen. Zumindest habe ich dafür eine plausible Erklärung: Das Fleisch am Mittag hat schon ziemlich gammlig gerochen. Warum hat das Fleisch so gammlig gerochen, es war doch frisch? Warum…
Vom ewigen Rollen des Schiffes schmerzt mir der Rücken ganz grässlich. Melden sich meine operierten Diskushernien zurück? Am Abend rauscht und pfeift etwas Undefinierbares. Wo kommt dieses Geräusch her? Ich schleiche auf dem ganzen Schiff umher und versuche es zu lokalisieren. Das tönt ja überall gleich laut! Ich merke, dass das ein neuer, aber ganz giftiger Tinnitus ist! Jetzt kriege ich Angst. Soll ich die Kanaren anlaufen?
Um 02.30 Uhr steigt eine Welle von hinten ins Cockpit und direkt durch den Abgang in die Kajüte. Der Salonboden ist total nass. Ich stecke sofort die Steckschoten ein und pumpe das Wasser ab. Woher kam diese steile Welle? Ich bin total frustriert, verärgert, wütend, am liebsten würde ich den ganzen Bettel hinschmeissen. «Pagan voll ausgerüstet inkl. allen Vorräten per sofort zu verkaufen: Preis 1 Euro!

Am nächsten Morgen sieht die Welt zum Glück wieder anders aus. Ich frage mich, ob ich einfach nur einen totalen Stress habe, mich jetzt tatsächlich zu lösen, unwiderruflich zu gehen, Monate vor mir nur Wasser und Himmel und auf mich ganz allein gestellt zu sein? Vielleicht auch Angst vor den eigenen, grossen Plänen, die mich überfordern könnten?

Nun bin ich sehr streng zu mir. Ich befehle allen Körperteilen, sich ab sofort anständig und verlässlich zu verhalten. Obwohl Pagan heftig in der hohen Dünung rollt, zwinge ich mich, einige (recht unnötige) Arbeiten zu erledigen, so z.B. die Bilge mit Schwamm und Seife sauber zu reinigen.
Der feige, neue Tinnitus verschwindet, die Wirbel nehmen wieder den richtigen Platz ein, der Kopf verbreitet Optimismus und der Magen ruft nach vegetarischem(!) Essen. Das gammlige Fleisch schmeisse ich in hohem Bogen über Bord.
Ich merke, wie schwierig es für mich ist, nun tatsächlich zu gehen. Ich glaube aber, dass es eine grosse Chance ist, in dieser Einsamkeit Zeit alleine für mich zu haben, Rückblick und Vorausblick nehmen zu können und bestimmt unvergessliche Dinge erleben zu dürfen. 

Es gelingt mir, mich mit allem wieder zu versöhnen und die miese Laune weicht einem fast schon euphorischen Hochgefühl.

Am 3. Fahrtentag, Montag, 29. Oktober, segle ich westlich an den Kanarischen Inseln vorbei. Ich verspüre absolut keine Lust, dort einen Hafen anzulaufen, im Gegenteil, nur weiter dem Horizont entgegen, auf den unendlich grossen Ozean!

Im NE-Passat bis zu den Kalmen

Dienstag, 30. Okt. – Samstag, 10. Nov. 2018  (4. – 15. Fahrtentag)

Nordöstliche Winde um 5 – 15 kn schieben Pagan zwei Tage lang gemütlich mit 4 bis 5 Knoten südwärts. Ich plane zwischen dem Afrikanischen Festland und den Kapverdischen Inseln hindurch zu segeln. Mein nächster Wegpunkt liegt in der Nähe der Insel Boavista. Auf keinen Fall möchte ich zu nahe ans Festland  gelangen, denn da ist das Risiko in eine langanhaltende Flaute zu geraten viel grösser, als wenn ich mich weiter draussen, in der Nähe der Kapverden aufhalte. Also immer ungefähr Kurs 210 Grad. Von Zeit zu Zeit schifte ich die Segel, damit ich einmal mit raumem Kurs, das andere mal im Schmetterlingskurs möglichst direkt auf meinen Wegpunkt zuhalten kann.

In der Nacht entdecke ich am Horizont zwei Lichtpunkte. Auf dem AIS sind keine Schiffe zu sehen. Ich bleibe wach, beobachte und merke schnell, dass es zwei Fischboote sind, die in wirren Schlaufen herumkurven. Fischerboote mag ich in der Nacht grundsätzlich nicht. Sie sind unberechenbar,  halten nie einen klaren Kurs ein, einmal nach Norden, dann nach Westen, Osten… Nicht selten bleiben sie über längere Zeit stehen, dann geht es plötzlich wieder mit Vollgas weiter. Oft sieht man auch keine Positionslichter, da die Arbeitsplattform mit grellem Scheinwerferlicht taghell beleuchtet wird. So halte ich auch diese Fischer über Stunden aufmerksam im Auge, bis ich ganz sicher bin, sie endlich passiert und hinter mir zu haben. 

Da sind mir Frachter und Passagierschiffe viel lieber! Sie halten wenigstens Kurs und Geschwindigkeit verlässlich ein und so kann man gut abschätzen, ob sie für einen eine Gefahr darstellen oder nicht. Zudem haben sie meist ein AIS und lösen bei mir Alarm aus, sobald sie mir zu nahe kommen. 

In den ersten beiden Tagen liefern die beiden Windgeneratoren nicht genügend Strom, um meinen Tagesbedarf zu decken und so lade ich die Bordbatterien mit der Hauptmaschine.

Dazu lasse ich sie im Leerlauf mit niedriger Tourenzahl laufen, denn so verbraucht sie am wenigsten Diesel. 2 Liter pro Stunde genügen. Wenn ich jedoch einen Gang einlege, dann ist sie deutlich durstiger: Bei glatter See knapp 6-7 Liter pro Stunde, bei rauer See deutlich mehr. Das kann und will ich mir nicht leisten, denn bis zu den Falklandinseln ist es noch weit! 

Sobald ich die Maschine abstelle, öffne ich jeweils die Motorenabdeckung, damit die Hitze möglichst rasch entweichen kann und mir nicht die ohnehin schon heisse Kajüte noch mehr aufheizt. Zu meinem Erstaunen haben sich die Schallisolationsmatten gelöst und liegen direkt auf dem Motor. Der Klebstoff hat sich bei dieser Hitze verflüssigt! Schnell drücke ich die Matten wieder an ihren ursprünglichen Ort und befestige sie zusätzlich mit dutzenden von 50 mm langen Schrauben, deren Kopf ich mit Unterlagsscheiben vergrössere.

Während des Tages entdecke ich immer wieder Schmetterlinge mit auffällig orangen Punkten auf den Flügeln. Sie flattern sehr schnell über der Wasseroberfläche, lassen sich vom Wind herumtragen, kommen in die Nähe von Pagan und verschwinden wieder, ohne je eine Pause an Bord gemacht zu haben. Es sind einige hundert Seemeilen bis zum nächsten Land. Woher kommen sie? Leben sie auf dem Meer? Wo ruhen sie sich aus? Was fressen sie? Wie  vermehren sie sich?

Am 1. November leere ich die Netze der Frischvorräte. Alle irgendwie noch halbwegs verwertbaren Gemüse schnetzle ich zusammen, brate sie an und vermische sie mit Couscous. Das reicht für die nächsten drei Tage. Dazu gibt es einen recht unansehnlichen Salat, doch mit dunklem Balsamico Essig sind die schwarzen Flecken auf den Salatblättern fast nicht mehr zu sehen. Die grünen Bananen sind aus unerfindlichen Gründen alle gleichzeitig reif geworden, so esse ich Bananen wie andere Salzstängel, 20 Stück am Tag…
Ab jetzt gibt es frisch nur noch Zwiebeln, Kartoffeln, Süsskartoffeln, Kabis, Äpfel und Orangen. 

Gleichentags frischt der Wind auf und endlich setzt der langersehnte NE-Passat mit 15-20 kn ein.

Angenehmes Segeln im noch etwas zaghaften NE-Passat 15-20 kn.

Die Aries hält Pagan sauber auf Kurs.

Super, der NE-Passat verstärkt sich auf 25 kn und die Wellen bauen sich entsprechend auf.
Pagan und ich sind im Element und rauschen mit gut 7 kn Richtung Kapverden.
Das ist Segeln vom Feinsten!

Eine hohe, runde Atlantikdünung schiebt tüchtig von hinten mit. Danke, das gibt zusätzliche Seemeilen!

Der kräftige NE-Passat weht drei Tage lang pausenlos durch. Das sind echte Traumsegeltage! 

Die ersten fliegenden Fische landen auf Deck.  Das ist ein klares Zeichen: Jetzt bin ich in den Tropen!

Nur Einhandsegler haben wahrscheinlich die Geduld, fliegende Fische zu fotografieren…

In den Nächten weckt mich alle 30 Min der Wecker, dann stehe ich auf, kontrolliere Kurs und Segel und halte nach Schiffen Ausschau. An diesen Rhythmus habe ich mich gut gewöhnen können, nur mein Rücken findet das nicht so entspannend. Er schmerzt und das verunsichert mich, denn ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder mit massiven Rückenbeschwerden zu kämpfen gehabt. Er wurde auch schon operiert, trotzdem lag ich seither schon mehrere Wochen im Bett und konnte vor lauter Rückenschmerzen nicht mehr aufstehen. Das darf einfach auf einer solchen Reise nicht passieren! Ich lege mich bewusst nach jeder halben Stunde anders hin. Einmal auf die linke, dann auf die rechte Seite. Kopf Richtung Bug, Kopf Richtung Heck. Kissen zwischen die Knie, auf den Rücken liegen, Beine hoch lagern, Rücken verdrehen, unterschiedliche Kojen nutzen etc. Der Rücken muss sich nun an die neuen Lebensbedingungen gewöhnen!

Von Pagans Segeleigenschaften bin ich total begeistert, das ist eine Klasse für sich!
Da die beiden Masten eher kurz sind, liegt der Druckpunkt der Segel weit unten – also genau dort, wo ich ihn haben will. Üblicherweise segle ich unter vier Segeln. Die einzelnen Segel sind dann nicht zu gross, sodass ich damit auch alleine zurecht komme. Mit Gross, Stagsegel 1, Stagsegel 2, Rollgenua und dem Code Zero habe ich viele Spielvarianten, sehr genau auf die vorherrschenden Verhältnisse einzugehen. Bei diesen Bedingungen segle ich mit dem zweifach gerefften Gross, dem Stagsegel 2 (hinteres Stagsegel) und die etwas eingerollte Genua. Dann läuft Pagan äusserst kursstabil und sicher und bahnt sich immer einen erstaunlich guten Weg durch die aufgewühlte See. Bei dieser Besegelung ist aber auch noch ausreichend Reserve, sodass ich bei einer Böe ruhig bleiben kann und nicht gerade handeln muss. Der 10 Tonnen schwere Schwenkkiel hat ein enormes aufrichtendes Moment. Wenn er ganz unten ist, habe ich 3.20 m Tiefgang, wenn er oben ist, lediglich 0.90 m. Pagan kann man somit auch problemlos trocken fallen lassen. Sie steht dann gerade und sicher auf dem Land. Auf Pagan fühle ich mich sehr sicher. Ich habe den Eindruck, dass alles in und um Pagan kaputt gehen könnte, Elektronik, Motor, Pumpen, Segel, Masten usw. doch in die Schale, mein schwimmbarer Untersatz, mein Zuhause auf See, habe ich ein uneingeschränktes Vertrauen. Das ist ein unbeschreiblich angenehmes Gefühl!

Ich segle täglich zwischen 130 und 150 sm direkt auf meinen Wegpunkt neben der Insel Boavista auf den Kapverdischen Inseln zu. Selbstverständlich könnte ich noch schneller sein, wenn ich mehr Segel setzen würde. Darauf verzichte ich aber gerne, denn der Geschwindigkeitszuwachs steht meiner Meinung nach in einem äusserst schlechten Verhältnis zu dem dadurch verursachten Materialverschleiss. 

Ich bin froh, dass ich unzählige Schäkel, Blöcke, Schoten und anderes Material bei mir habe.
Bei raumen Kursen sichere ich immer alle drei Bäume. In den hohen Wellen oder durch einen Steuerfehler kann schnell einmal ein Segel back schlagen und ein Schlag eines Baumes ist lebensgefährlich. Sicherheit geht vor!

Wenn ich unterwegs bin, mache ich täglich mehrere Kontrollgänge, bei denen ich alle Stellen sehr genau kontrolliere, wo stetig Kräfte einwirken. Das lohnt sich tausendfach, denn viele Schäden und Unfälle können so vermieden werden. Schwachstellen entdeckt man beim genauen Hingucken oft früh genug, sodass sie repariert oder zumindest so gesichert werden können, dass nichts Schlimmeres passieren kann. Die stetigen Vibrationen beim Segeln nehme ich nicht wahr, doch lose Schäkel, Bolzen, Muttern usw. sprechen eine deutlich andere Sprache! 

Am 4. November flaut der Wind langsam ab und pendelt sich für die nächsten Tage bei NE um 10-15 kn ein, sodass ich täglich gut 100 sm bequem südwärts segeln kann. 

Langsam wird auch das Meer wieder ruhiger, ich schaue die Wellen mit anderen Augen an und entdeckt auch ab und zu neue Meeresbewohner…

Am 5. November bin ich auf rund 15 Grad Nord. Mit jeder Seemeile Süd, scheint auch die Temperatur stark anzusteigen. Schon am späteren Morgen ist es 26 Grad heiss. Das Wasser hat eine ähnliche Temperatur, fühlt sich aber deutlich kühler an, sodass ich hektoliterweise Wasser mit der Pütz schöpfe und die kühlenden Kübelduschen geniesse.  

In Madeira habe ich 15 kg wunderschöne, grosse Orangen gekauft. Es müssen zwei Sorten gewesen sein. Die einen sind saftig, aromatisch und herrlich süss. Der grössere Teil hat aber die Hitze auf Pagan nicht so gut überstanden, sind innen total ausgetrocknet. Mit keinem Kraftaufwand lässt sich da auch nur einen einzigen Tropfen Saft herauspressen. Ich versuche also Orangensaft aus „frisch getrocknetem Fruchtfleisch-Konzentrat“ herzustellen. Es schmeckt wie reines Wasser mit trockener Orange, also nach gar nichts. Ich hoffe, dass die Vitamine wenigstens überlebt haben und esse täglich eine Orange und befeuchte danach meinen Mund mit Wasser!

Die Sonneneinstrahlung, die durch die Reflexion im Wasser noch zusätzlich verstärkt wird, ist so intensiv, dass mir nach kurzer Zeit auf Deck die Haut schmerzt. Da nützen auch die Wolken nichts, die teilweise das direkte Sonnenlicht etwas abfangen. Während des Tages baue ich das Sonnendach auf. Es wird vorne in eine Schiene eingefahren und seitlich abgespannt. Hinten spanne ich das Sonnendach hoch, damit der achterliche Wind aufgefangen und direkt in die Kajüte geleitet wird. Hier unten in der Kajüte ist das kühlende Lüftchen hochwillkommen.

Stabiles Sonnen- und Regendach, das in zwei Minuten montiert bzw. demontiert ist.

Seevögel stechen in See und packen Fische – meine Fischerei hingegen bleibt erfolglos!

Meine Fischerei ist das reinste Trauerspiel! Ich stelle wunderschöne Köder in allen Farben mit jeweils bis zu 6 kräftigen Haken im Leib her. Ich bin sicher, dass die Fische sich darum streiten werden, wer den Köder schnappen darf. Doch entweder schleppe ich sie über Stunden vergeblich nach, oder es beissen solche Monster an, die die Drahtvorläufer durchreissen, ganze Haken zum Brechen bringen oder das Silch wegreissen – und das ist immerhin Silch aus der norwegischen Berufsfischerei! Ich bin einfach zu schnell unterwegs und locke die falschen Fische an!

Während dieser ruhigen Tage vertiefe ich mich nochmals in die Fachliteratur über die Antarktis. Ich möchte nicht blauäugig ins Verderben segeln. Ich nehme die vielen Warnungen ernst, merke aber, dass ich definitiv einen Versuch wagen möchte, immer mit der inneren Bereitschaft, frühzeitig den Rückzug anzutreten. Ich fühle mich diesbezüglich frei und stehe auch nicht unter Beweiszwang. Es soll schliesslich eine unvergesslich schöne Abenteuerreise und kein Debakel werden!

In Madeira habe ich luftdicht verschlossenen Frühstücksspeck und 60 „tag-frische“ Eier gekauft. Die Eier habe ich sofort mit viel Vaseline eingerieben, damit sie auch ungekühlt haltbar bleiben. Ich habe richtig Lust auf Speck und Spiegeleier. Der Speck mit Ablaufdatum Ende Dezember 2018 hat schon ganz gelbe Ränder und riecht nicht mehr besonders gut. Nach scharfem Anbraten ist der bestimmt in Ordnung, denke ich. Dann kommen noch einige Spiegeleier oben drauf. Das vierte Ei stinkt so entsetzlich, dass mir fast die Luft in der Kehle stecken bleibt. Speck und 60 Eier fliegen über Bord. Den Verfallsdaten von Madeira traue ich nicht mehr! Ich backe frisches Brot und esse dazu Blauschimmelkäse – das schmeckt hingegen paradiesisch!

Nebst der Navigation ist auch die Kommunikation an Bord sehr wichtig.  Dafür habe ich ein mobiles Satellitentelefon (Iridium). Es ist das einzige System, das ohne Einschränkungen flächendeckend auf der ganzen Welt funktioniert, also auch auf den Polen. Für mich ist das eine optimale Einrichtung, denn darüber kann ich mailen, mein einziger Kommunikationsweg zur „Aussenwelt“.  

Gertrud und ich schicken uns täglich eine Nachricht. Es beruhigt zu wissen, dass auf der anderen Seite alles in Ordnung ist – und trotzdem ist es ein eigenartiges Gefühl, nur zu erfahren, wie es dem anderen geht, ihn aber bei Bedarf nicht tatkräftig unterstützen zu können. Jeder ist nun auf sich gestellt. Das ist eine neue Erfahrung, bei der man aber auch wieder zu schätzen lernt, was der andere einem früher so selbstverständlich jeden Tag gemacht hat. Natürlich beginnt man aber auch die über Jahre eingeschliffenen Aufgabenteilungen, Rollen- und Verhaltensmuster zu hinterfragen. Nebst dem Bericht von Tagesaktualitäten studiert Gertrud aber auch immer die Wetterprognosen und gibt Warnungen, Tipps und Mut zum Durchhalten ab.

Für eine sichere Schiffsführung ist es aber natürlich von zentraler Bedeutung, dass ich jederzeit die aktuellen Wind-, Wetter- und Eiskarten auch selbstständig herunterladen kann. Diese Informationen bilden die Grundlage für eine möglichst optimale und sichere Routenplanung.
Es gibt viele professionelle Anbieter und spezielle Programme, die solche Wetterdaten teuer verkaufen. Warum diese Dienste überhaupt in Anspruch genommen werden, kann ich absolut nicht verstehen, denn die gleichen Daten stehen jedermann, jederzeit über SailMail auch gratis zur Verfügung (mehr dazu auf meiner Homepage, „nützliche Links“).

Hier nun eine solche Windkarte, auf der ich zusätzlich meine geplante Segelroute eingezeichnet habe, die die sich ausbreitende Flaute auf Höhe Guinea Bissau umschifft.

Vor über 30 Jahren haben wir Rosy und Peter in Neuseeland kennen gelernt, die mit ihrer Yacht ebenfalls auf Weltumsegelung unterwegs waren. Der Kontakt hat über all die Jahre gehalten und daraus hat sich eine schöne Freundschaft entwickelt. Peter fiebert, freut und leidet seit Beginn meiner Segeltour mit mir mit und mailt täglich Wettermeldungen, oft verbunden mit Vorschlägen zur Segeltaktik, wie ich die aktuelle Wettersituation auch mittelfristig möglichst gut ausnützen kann. Für seine Wettermeldungen vergleicht er die Daten von ECMWF, GIS (NOAA) und Windy, interpretiert und dank seiner grossen Erfahrung wagt er dann eine persönliche Einschätzung und Empfehlung.
Peter, herzlichen Dank für alles!

Samstag, 3. Nov. 2018, 8:50 UTC
Lieber Peter
Donnerstag/ Freitag Mittellinie ITC bei +/- 5 N und bereits ab 4 N SE Passat. Ab 1 N mit 14-18 kn und so bis 10 Süd. Bei ECMWF ist die ITC breiter. Und nach meiner Einschätzung, mit Blick auf die Satelliten Wolkenbilder, ist die ITC von 8 N bis 2S. Aber so aktiv, dass die Windprognose vielleicht stimmt. Mein Verstand sagt, dass das nicht realistisch ist. Das wäre dann fast ein Lotto 6er. Ich hoffe, dass ich dich mit dem nächsten Bericht nicht enttäuschen muss.
Lieben Gruss Peter

In meinem Leben habe ich schon sehr oft Glück gehabt, warum also nicht auch jetzt und einfach zügig mit einem sanften Lüftchen durch die Kalmen segeln?! 

Kalmen oder ITC nennt man das Gebiet, in dem der Nordostpassat der Nordhalbkugel auf den Südostpassat der Südhalbkugel stösst und sich die beiden Windsysteme durchmischen. Dieser Gürtel erstreckt sich üblicherweise knapp nördlich des Äquators über die ganze Breite des Atlantiks. Die Kalmen können an unterschiedlichen Orten sehr unterschiedlich breit sein. Bei Seglern geniessen sie einen schlechten Ruf, da die grossflächigen, langanhaltenden Flauten einen tagelang festhalten können und dazu sind auch die gewaltigen Gewitterzellen und der Platzregen berühmt-berüchtigt. Gut an den Platzregen ist jedoch, dass man bei Bedarf schnell seine Süsswassertänke wieder füllen kann.

Gertrud und Peter beobachten seit Tagen sehr genau die Veränderungen der Kalmen und raten mir, ungefähr bei 10 Grad Nord, 25 Grad West in den Kalmengürtel zu stechen. Weiter im Osten auf keinen Fall, denn da hat sich ein grosses Flautengebiet fest gesetzt, das sich sogar ständig noch weiter ausbreitet. 

Wichtig ist aber auch, dass ich den Äquator nicht zu weit im Westen überquere und danach möglichst rasch nach Süden segle, um aus dem starken Südäquatorialstrom heraus zu kommen, der einen in Richtung Karibik verfrachten möchte.
Genau das war die Angst der früheren Seefahrer, die nach Südamerika wollten. Kamen sie zu weit nach Westen und nicht früh genug aus dem Südäquatorialstrom heraus, schafften sie es nicht mehr, den östlichsten Punkt Brasiliens zu umsegeln. Da blieb ihnen dann tatsächlich nichts mehr anderes übrig, als zähneknirschend (falls sie noch kein Skorbut hatten…) über den Nordatlantik zurück nach Europa zu segeln, um es in einem zweiten Anlauf erneut zu versuchen.
Natürlich konnten diese Schiffe noch nicht so hart am Wind segeln wie die heutigen Yachten und hatten auch keine Motoren. Die Problematik bleibt aber bis heute die gleiche. 

Am liebsten würde ich den Äquator etwa bei 26 Grad West , allerspätestens jedoch bei 27 Grad West, überqueren. 

Donnerstag, 8. November ist ein sehr ruhiger, aber extrem heisser Tag. Unter Vollbesegelung komme ich äusserst bequem mit rund 5 Knoten vorwärts. Ich verkrieche mich ins Schiffsinnere, gut geschützt vor der sengenden Sonne. Ich nehme die Fotos und die Notizen hervor, die ich in Madeira gemacht habe. Die Erlebnisse sind mir wieder ganz nahe, viele wunderschöne Erinnerungen kommen mir in den Sinn. Ich schreibe den ersten Teil des Berichts über Madeira.

Am nächsten Morgen erreiche ich im Schmetterlingskurs meinen Wegpunkt 10 Grad Nord, 25 Grad West. Noch immer habe ich einen Nordostwind zwischen 10 und 15 Knoten. Es ist brütend heiss. Die Sonne ist so extrem stechend, dass ich nicht mehr freiwillig nach draussen gehe. Haut und Augen schmerzen. Im Schiffsinnern trage ich teilweise die Gletscherbrille, denn durch die Luken und Bullaugen dringt so viel Licht, dass mir sonst die Augen schmerzen. Ich sehne mich nach einem kühleren, gemässigten Klima! Wie eine tote Fliege liege ich klitschnass auf einem Badetuch auf dem Polster bei der Bibliothek, der Schweiss läuft in Strömen. 

Bei dieser Hitze nützen auch Kübelduschen nichts mehr. Jetzt finde ich es überhaupt nicht mehr lustig auf Pagan! Ich achte darauf, dass ich mind. 6 Liter pro Tag trinke. 

Nach Erreichen des Wegpunkts schifte ich die Segel und kann etwas anluven und auf raumem Kurs weiter segeln. Das ist angenehm, das Rollen vorher im Schmetterlingskurs ist vorbei, ich habe eine schöne Krängung und so segle ich direkt auf meinen nächsten Wegpunkt zu: 26 Grad West auf dem Äquator. 

Die Abendstunden geniesse ich sehr. Immer bin ich draussen im Cockpit und beobachte die Sonnenuntergänge. Täglich ist das ein spektakuläres Ereignis, wenn sich die Sonne rötlich verfärbt und alles in goldiges Licht taucht. Am Himmel leuchten intensiv die Wolken, bis die Sonne als feuriger Ball hinter dem Horizont vollständig verschwindet. Jedes einzelne Mal bin ich von dieser Schönheit überwältigt. 

In der Nacht sehe ich, wie ein Frachter direkt auf mich zufährt. Ich bin beunruhigt und rufe den Frachter über Funk an, ob er mich vor sich sehe.
„Yes, sir, I can see you but I can not imagine what you are doing here!“
Ich sage ihm, dass ich alleine auf dem Weg zu den Falklandinseln sei. Er fragt mich ungläubig, ob ich denn überhaupt wisse, wo die Falklandinseln seien und ich müsse ein verrückter Kerl sein. Er kommt noch etwas näher, aber in einem anständigen Anstand, mit seinem tiefen Schiffshorn hupt er mir ganz kurz Glück zu, überholt mich und verschwindet dann langsam am Horizont.

Kalmen (ITC)

Samstag 10. – Mittwoch, 14. November 2018  (15. – 19. Fahrtentag)

Samstag 10.11.2018, 9:35 UTC
Lieber Peter
Super. Du hast die ITC erreicht. Sie reicht so über den ganzen Atlantik, dass es keine Rolle spielt, wo du sie überquerst. Also schon mal gut. Breite 8 N bis ca. 1*30 N. Das Satellitenbild zeigt den heftigen Teil der ITC von 8 bis 6 N. Flautig scheint es zwischen 6*30 und 2*30 N zu sein. Regen in den nächsten drei Tagen zusammen etwa 40 l/m2, weiter westlich sind es über 80. Bin sehr gespannt wie es wirklich ist. Die Südgrenze der ITC ist eine sich horizontal verschiebende Zickzacklinie von 5N bis 2*30 N. Es wird also immer mal wieder Wind haben oder die Meteorologen können sich nicht festlegen wo sie ist. Ich glaube es ist eher wegen des starken SE Passat der mal mehr mal weniger weit als E Wind mit bis 15 kn nach Norden kommt.
Wir wünschen dir ein schönes Wochenende. Wir sitzen vor dem Chemineefeuer und schauen zu wie die Maroni braten. Wir haben 2 kg das reicht fürs Wochenende.
Lieben Gruss Peter

Samstag, 10. November 2018
Der strahlend blaue Himmel wird schnell von dicken Wolken bedeckt, bis kein Blau mehr zu sehen ist.

Die Kalmen auf 8 Grad Nord erreicht!

Plötzlich reisst es kräftig an der Fischerleine. Jetzt hat es endlich geklappt!!
Freudig ziehe ich die Leine rein,  bemerke aber schnell zu meiner Enttäuschung, dass ich keinen Fisch, sondern nur elend viele Seepflanzen gefangen habe… 

Zum ersten Mal auf dieser Überfahrt sehe ich überall kleinere und bis zu mehreren Quadratmeter grossen Pflanzenteppiche. Woher kommen diese? 

Die Pflanzen riechen etwas modrig, etwa so, wie weiche, sumpfige Erde bei Niedrigwasser. Selbstversorgung hin oder her, das Zeug kann man nicht essen, da sind mir Karotten- und Selleriesalat aus den Gläsern von Deutschland lieber!
Mein kulinarisches Highlight sind aber im Moment Bratkartoffeln mit Zwiebeln oder Süsskartoffeln, dazu Würstchen aus dem Glas mit scharfem Meerrettichsenf. Das schmeckt himmlisch. Schade, habe ich nicht mehr von diesen Würstchen gekauft, das könnte ich jeden Tag essen!

Sonntag, 11. November 2018
In der Nacht von Samstag auf den Sonntag hat es nur sehr wenig Wind, überall am Himmel sieht man harmloses Wetterleuchten. Am Sonntag ist der ganze Himmel grau, graue Wolken, graues Wasser, ab und zu feiner Nieselregen, vor lauter Grau schlechte Sicht… Grauenhaft, dieser öde, farblose, trübselige Tag! In der Kajüte ist es nicht besser: Heiss, feucht, alles scheint zu Dampfen…
Ich dümple mit einem schwachen NE-Wind südwärts.

Plötzlich springt der Wind innert Sekunden von NE 5 kn auf E 15 kn um. Ich bin in die Nähe einer Zelle geraten. An einigen Stellen giesst es aus der schwergeladenen Wolke. Nachdem ich die Wolke passiert habe, ist der Wind auch wieder schlagartig weg.

Am späteren Sonntagnachmittag frischt es auf 15 kn auf und ich segle mit 6 kn bequem durchs ruhige Wasser. Der Wind hält bis nach Mitternacht und baut in dieser Zeit auch wieder eine ordentliche Dünung auf. In den frühen Morgenstunden schläft der Wind ein und Pagan wird von den Wellen schonungslos herumgeworfen. 

Montag, 12. November 2018, 09:09 UTC
Lieber Peter
Jetzt bist du mitten in der ITC. Das Gute, bis hierher bist du gut gekommen.
Die Modelle sind so widersprüchlich, dass jedes einmal am Tag stimmen wird. Ihre Computer zeichnen verrückte Dinge. Gestern Abend nordwestlich von dir ein schwarzes Loch, das von N über E nach S allen Wind einsaugt und dir S Wind gebracht hätte. Jetzt ist es weg.
Auf 1 N beginnt der SE Passat. Ab 2 N hat es schon SE Wind zum Segeln bis dorthin würde ich motoren. Für dich so etwa 180 sm. Ich würde keine Höhe verschenken und genau Südkurs fahren.
Alle Modelle sagen übereinstimmend bei 1 N SE Passat von 12 bis 15 kn an und das geht so bis 15 S. Du kannst dich also auf eine Woche Steuerbordbug freuen.
Lieben Gruss Peter

Bei diesem Lüftchen komme ich nur schlecht voran. Motoren möchte ich trotzdem nicht. Ich hasse den Lärm, die Vibrationen und das bringt noch mehr Hitze in die Kajüte! Früh am Morgen setze ich den Code Zero, das grosse, leichte Halbwindtuch. Bei 5 – 8 kn Wind segle ich mit 3 – 4 kn südwärts, ein richtiges Turbosegel, ich bin begeistert! 

Obwohl ich mich konsequent mit Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 eingeschmiert habe, schmerzt mich die Haut im Gesicht, am Hals, der Schulter, an den Armen und Beinen. Ich verkrieche mich sofort wieder in den Schatten unter Deck. 

Plötzlich wird Pagan stark auf die Seite gelegt. Aus dem Nichts ist eine Zelle über uns gezogen, ein giftiger Wind pfeift und reisst unbändig am Code Zero. Diese Zelle hat mich total überrascht und auf dem linken Fuss erwischt! Ich stürze nach draussen, habe Angst um den Code Zero und berge ihn so schnell als möglich. Nach einer Viertelstunde ist der Wind weg und es beginnt wie aus Kübeln zu regnen. Ich bleibe gerade draussen und geniesse die frische Süsswasserdusche! Am Schluss fröstelt es mich sogar einen kurzen Augenblick, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt! 

Nach kurzem, heftigen Wind beginnt es wie aus Kübeln zu regnen.

Ich möchte nie wieder von einer solchen Zelle so überrascht werden – ich muss zukünftig besser aufpassen. 

Gegen Abend bekomme ich völlig unerwartet eine Mail von Reinhard, dem Vorbesitzer von Pagan. Er hat mich über unsere Homepage ausfindig gemacht und mir eine unendlich nette Nachricht geschickt. Die Zeilen haben mich sehr berührt und überglücklich gemacht. Das ist der Höhepunkt des Tages!

An diesem flauen Tag bin ich nicht sonderlich gut vorangekommen. An Bord habe ich noch immer Schweizerzeit. Das stimmt nicht mehr mit meiner inneren Uhr überein, deshalb stelle ich alle Uhren auf UTC um. Schön, jetzt kann ich dadurch 2 Stunden länger segeln und somit mein Etmal auf 91 sm aufpolieren!

Dienstag, 13. November 2018

Währen den Nachtwachen und unter Tags halte ich immer sehr sorgfältig Ausschau nach diesen Unwetterzellen. Immer wieder bin ich erstaunt, wie schnell sich solche Wolkenkolosse neu bilden können. An diesem Tag schwirren die schwarzen Wolken überall am Himmel herum. Sie ziehen meist von Osten nach Westen. Kommt man in ihre Nähe, springt der nordöstliche Wind innert Sekunden auf Ost oder gar Südost. Diesen Wolken auszuweichen, mag in der Theorie möglich sein, Pagan und ich haben aber eine andere Taktik, die immer funktioniert: Augen zu und durch!

Ein eigenartiges Gefühl, unter einen solchen „Wolkendeckel“ zu segeln und sich von den darin befindenden Naturkräften überraschen zu lassen! Diese Zelle hat mir Dreiviertelstunden um 35 kn Wind beschert und keinen Tropfen Regen!

Im Radar kann man die Zellen deutlich erkennen. Was einen aber konkret darin erwartet, ist teilweise schwierig voraus zu sagen. Ich bin in einige Zellen geraten, da hätte ich alles in der Welt gewettet, dass es darin wie aus Kübeln regnen würde. Ich bekam aber keinen Spritzer Wasser ab, dafür heftigen Wind oder umgekehrt.

Muss das sein? Mitten durch die Zelle!

Katz und Maus Spiel…
Schön, wenn es gelingt, zwischen den Zellen durch zu segeln, ohne dabei erwischt zu werden!

Achterlich vorbeiziehende Wolken bringen oft willkommenen Wind!

Früh genug reffen…

…denn der Wind  – der Regen – oder beides miteinander – kommt bestimmt!

Auch wenn man die Kalmen oft verwünscht – man wird auch gleichzeitig mit dramatischen Wolkenbildern und Lichtverhältnissen reich beschenkt!

Dienstag 13.11. 2018, 09:25 UTC
Lieber Peter
Das Satellitenbild sagt südlich 2 N bist du aus dem ITC Wolkenband raus. Bis dann immer wieder heftigen Regen. Für heute 9 UTC sagt Europa SE 9-15 und Regen. USA SSE 10-12 und Meteoblue ( Schweizer Modell auf 10 h alten NOAA Daten) SE 5 kn. Bei 3 N um Heute Mitternacht SE 7-11 / SE 7-8 / ESE 3. Bei 2 N Mittwoch Abend alle 3 SE 6-7kn. Bei 1 N am Donnerstag Nachmittag die ersten beiden E 9-15, das CH SE 8. Die Strömungskarte zeigt so viele verschiedene Richtungen in nächster Nähe an, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Aber eher von W bis N mit 0,3 kn. Deshalb vielleicht die bösen Wellen. Ich kann es kaum fassen wie du bis jetzt durch die ITC fährst und es ist keine Schadenfreude wenn ich schreibe, dass am Freitag auf der Südhalbkugel der SE Passat schwächelt.
Lieben Gruss Peter 

In der Nacht auf den 14. November setzt ein SE-Wind ein. 
Am Morgen erscheint es mir, wie wenn ich aus einem unendlich langen, grauen Wolkentunnel endlich wieder ans Tageslicht gesegelt wäre: Blauer Himmel mit vielen Schönwetterwolken!


Habe ich tatsächlich die Kalmen hinter mir und den SE-Passat erreicht?

Ich halte so fest nach Süden wie es nur geht, denn südlich des Äquators ist der SE-Passat beständiger. 

Am Mittag bläst es noch immer beständig aus Südosten. Die von den vielen Gewitterzellen aufgepeitschten, durcheinanderlaufenden Wellen werden von einer weichen, runden, regelmässigen Dünung aus Südosten verdrängt. Dieser Wind fühlt sich ganz anders an, als jene der letzten Tage: Ist voller und tönt ganz anders. Auch wenn er nur schwache 8 bis 11 Knoten stark ist, merke ich sofort, dass er über hunderte von Seemeilen über den Ozean gekommen und Teil eines grossen Windsystems ist. Ich spüre es, ich habe den SE-Passat erreicht! 
Position 2°06 N / 25°57 W: In diesem Seegebiet ist die Chance gross, dass sich der Kalmengürtel plötzlich wieder ausdehnen könnte und mich Flauten und Gewitter erneut in die Mangel nehmen könnten. Also nichts wie los, möglichst Kurs Süd – unterhalb des Äquators ist der SE-Passat beständiger!
Freudig nehme ich eine ausgiebige Kübeldusche, bilde mir ein, den letzten Schweiss der Kalmen weg zu seifen, wasche die Haare und rasiere mich ordentlich. Ich fühle mich wie neu geboren! 

Die letzten Zucchetti haben die Fahrt durch die Kalmen nur mit Müh und Not überstanden und hängen schlapp und weich im Vorratsnetz. Ich schneide sie in Würfel, brate sie mit Zwiebeln an, mische alles mit Mais und Couscous und zaubere einen herrlichen „Sommersalat“ auf den Tisch. Ich geniesse jeden Bissen, denn das ist nun das allerletzte Frischgemüse bis zum nächsten Landfall. Wo wird der wohl sein? Rio de Janeiro in Brasilien oder Stanley auf den Falklandinseln? 
Entschieden habe ich mich noch nicht, doch tendiere ich momentan auf Stanley. Die Segelsaison in der Antarktis ist kurz und ich möchte auf keinen Fall Rio de Janeiro auf Kosten der Antarktis besuchen. Dazu kommt, dass ich an Weihnachten lieber in einem ruhigen, geschützten Ankerplätzchen liegen würde, als in den Roaring Forties nach Süden zu kämpfen. 

Der SE-Passat reicht üblicherweise bis 30 höchstens 35 Grad Süd. Weiter südlich herrschen westliche Winde vor. Zwischen 40 und 50 Grad Süd trifft man auf die Roaring Forties (Brüllende oder Donnernde Vierziger), zwischen 50 und 60 Grad Süd auf die Furious Fifties (Wilde oder Rasende Fünfziger) und zwischen 60 und 70 Grad Südauf die Screaming Sixties (Heulende Sechziger). Südlich von 35 Grad Süd muss ich also immer wieder mit heftigen Winden aus westlicher Richtung rechnen. Ich möchte deshalb innerhalb des Passatgürtels nahe an den südamerikanischen Kontinent segeln. Ein Küstenabstand von rund 150 sm scheint mir optimal zu sein,damit hätte ich sogar etwas West „auf Reserve“ und somit eine gute Ausgangslage, die Falklandinseln anzusteuern und in Stürmen nicht zu weit nach Osten abgetrieben zu werden.
Ich setze also den nächsten Wegpunkt auf 35°S / 51°W. Dieser Wegpunkt lässt noch beide Optionen offen, Rio de Janeiro und Falklandinseln.

Gemäss Logbuch ist heute mein 935. Fahrtentag – ich habe also rund 2.5 Jahre meines Lebens auf hoher See verbracht. Nicht eingerechnet sind dabei kleinere Ausfahrten und Törns auf fremden Schiffen. Die folgenden Logbuchseiten sind noch leer. Im Handel haben wir bis heute noch kein Logbuch gefunden, mit dem wir uns anfreunden konnten. Wir haben deshalb seit Beginn unserer Segelzeit immer normale Notizhefte gekauft und von Hand ein passendes Raster hinein gezeichnet. Ich nutze einige ruhige Stunden, um für die kommenden Tage und Wochen das Raster ins Logbuch zu zeichnen. Ich stoppe beim 1000. Fahrtentag. Wo werde ich wohl an diesem „Jubiläumstag“ sein? Antarktis?

Die Sonne geht langsam unter. Der Feuerball nähert sich dem Punkt, an dem sich Himmel und Meer berühren, küsst nur kurz den Wasserspiegel und versinkt dann langsam am Horizont. 

Die sengende Hitze weicht einem angenehm kühlenden Lüftchen. Jeden Abend bin ich erneut von dieser unbeschreiblichen Schönheit und Ruhe überwältigt. Ich lasse meine Gedanken schweifen und geniesse diese Zeit in vollen Zügen. Oft erwache ich erst weit nach Mitternacht wie aus einer anderen Welt. Dann beginne ich mit Nachtwachen: 30 min schlafen, aufstehen, kontrollieren, 30 min schlafen, aufstehen… An diesen Rhythmus habe ich mich längst gewöhnt und empfinde ihn als normal. 

Eine sanfte, 8-10 kn starken Brise treibt Pagan mit 4-5 kn direkt dem Äquator entgegen.   

Diagonal über den Atlantik
Donnerstag, 15. – Freitag, 30. November 2018 (20. – 35. Fahrtentag)

In den frühen Morgenstunden des 16. Novembers kann ich die Seemeilen bis zum Äquator an einer Hand abzählen. Ich möchte den Moment, wenn auf dem Kartenplotter die Breitengrade von Nord auf Süd umspringen filmen. Ich lege alles bereit, auch ein besonders gutes Häppchen, um diesen speziellen Moment zu feiern. 
Unmittelbar vor dem Äquator macht sich eine schwarze Unwetterzelle über mich her. Pagan wird auf die Seite geschmissen. Ich springe nach draussen, reffe so schnelle es geht und stürze zurück zum Kartenplotter… Ich kann es nicht fassen, ich bin bereits seit 50 m auf der Südhalbkugel! Den grossen Moment habe ich also beim Reffen verpasst. Die magische Linie habe ich auf einer Länge von 27°06 W überfahren.

Freitag,16. November 2018, 9:33 UTC
Lieber Peter
Ich kann jetzt etwas zurücklehnen, der SE Passat wird mit dir sein. Bis 10S eher aus E bis 20 aus SE. Den Code Zero kannst du für die nächsten Monate verstauen. Der Wind wird jetzt stetig zunehmen und bald mit 15 bis 25 kn blasen. Südlich 20S wird es wieder spannend. 
In Sachen Eis habe ich die richtige Webseite noch nicht gefunden. Da musst du mir auf die Sprünge helfen. 
Geniessedie folgenden Tage.
Lieben Gruss Peter

Während der beiden nächsten Wochen bleibt das Wetter ziemlich unverändert: Oft weht der SE-Passat, der aber zwischendurch auch immer wieder einige Stunden vollständig einschläft, dann aber wieder erwacht und mit satten 25 kn alles wieder gut zu machen versucht.

Angenehmer Segeltag: Pagan auf Kurs diagonal über den Atlantik Richtung Südamerika.
Leider wirbeln oft diese eklig schwarzen Wolken herum und sorgen dafür, dass es mir nicht langweilig wird:
Segel reffen, ausreffen, Code Zéro setzen, wegrollen, schiften, Bäume fixieren… 

Mit den Etmalen bin ich aber zufrieden, komme ich doch täglich mit 110 – 149 sm meinem Ziel näher.

Freitag, 23. November 2018
Es ist eine stockdunkle Nacht. Kein Mond, keine Sterne, nichts. Es ist so dunkel, dass man die eigene Hand nicht vor den Augen sieht, schon gar nicht den Bug, die Masten, die Segel. Wo endet das Wasser, wo beginnt der Himmel? Es ist ein unangenehmes Gefühl, wie in einem schwarzen Loch zu segeln. Um drei Uhr morgens sehe ich einen winzigen Lichtpunkt. Ist es ein Stern in der Ferne oder ein Schiff in der Nähe? Das erste Schiff seit vielen Tagen? Da ich in dieser totalen Finsternis den Horizont nicht erkennen kann, finde ich keine Anhaltspunkte, kann mich nicht orientieren, fühle mich verloren. Im AIS sowie im Radar sehe ich nichts. Es muss also ein Stern sein. 
Trotzdem bin ich beunruhigt und kann nicht schlafen – ist es wirklich ein Stern? 
Nach einer Stunde erkenne ich im Radar ab und zu ein Echo. Der Stern entpuppt sich als Schiff ohne AIS. Zwei Stunden später passiere ich das geisterhafte Schiff, das sich nur langsam bewegt. 

Ich bin froh, als es wieder Tag wird. Es folgt ein prächtiger Sommertag mit stahlblauem Himmel und grossen Schäfchenwolken. Aus einigen Wolken regnet es, eine willkommene Abkühlung!

Freitag, 30. November 2018 
Ich lese meine Tagebucheinträge, höre meine Tonbandaufzeichnungen und sehe Fotos an. 
Ich habe das Zeitgefühl völlig verloren. Wie lange bin ich schon unterwegs, ist es eine Woche oder mehrere Monate? Ich fühle mich eins mit Pagan, dem Meer, dem Himmel, dem Wetter, der Natur, den Seevögeln – der Ewigkeit. 

Ein Blick ins Logbuch verrät: Heute ist der 35. Fahrtentag seit Madeira. Position 28°27 S / 40°33 W.
Seit Madeira bin ich rund 4‘000 sm gesegelt, davon 6.5 Stunden mit Unterstützung des Motors.
Bis zu den Falklandinseln sind es noch 2‘500 sm.

Am späten Abend zappelt es an der Fischerleine. Ich ziehe einen schönen Degenfisch an Bord. Ich muss ihn halbieren, damit er auf der Küchenabdeckung Platz findet, filetiere ihn und packe die schönen Plätzchen ein.
Alles ist für ein leckeres Festessen bereit, ein perfekter Auftakt in die Adventszeit! 

Adventszeit im Südatlantik und Ankunft auf den Falklandinseln
Samstag 1. Dezember – Freitag, 28. Dezember 2018 (36. – 63. Fahrtentag)

Samstag, 1. – Sonntag 2. Dezember 2018
Während der Nacht habe ich einen angenehmen Wind aus ENE und segle mit 5 – 6 kn im Schmetterlingskurs gegen Südwesten. Im Morgengrauen schläft der Wind ein und meine Fahrt verlangsamt sich bis zum Stillstand. 

Gertrud und unsere drei Töchter haben mir in Madeira einen selbstgebastelten, wunderschönen Adventskalender geschenkt. Ab heute bis Weihnachten darf ich jeden Tag ein Stoffsäcklein öffnen, in denen sich sehr persönliche, lustige und aufmunternde Nachrichten und schöne Geschenke befinden. Dieser Adventskalender bedeutet mir unendlich viel: Jeden Tag ein riesiges Highlight, jeden Tag die Verbundenheit mit Zuhause zu spüren, jeden Tag so viel Herzlichkeit und Liebe zu empfangen ist unbeschreiblich schön. Vielen Dank!

Pagan wird in der Dünung schonungslos herumgeworfen, die Segel schlagen, Kurs halten ist unmöglich, ich treibe ziellos umher. Alle Wettermodelle zeigen heute etwas anderes an und verändern sich laufend. Gegensätzlicher könnten die Infos nicht sein. Peter schreibt, dass es so keinen Spass bereite, eine Wettervorhersage zu machen, deshalb nur soviel: „Teils heiter, teils wolkig- mach das Beste draus!“

Ich nutze das flaue Zeitfenster, um alles am Rigg und an Deck sorgfältig zu prüfen. Tägliche Kontrollen sind extrem wichtig. Bei genauer Betrachtung kann man die meisten Schwachstellen schon im Voraus erkennen und somit lassen sich oft schlimmere Schäden verhindern. Meine Mast-Baum-Verbindung sieht ziemlich lädiert aus. Ich sichere das Ganze mit einem Dyneema-Seil. So sollte es noch einige tausend Seemeilen halten.
Heute lege ich das schlechteste Etmal seit Madeira hin: Lausige 56 sm! 

Am Sonntagmorgen um 04 Uhr kräuselt sich das Wasser. Eine sanfte Brise haucht über das Wasser. Pagan nimmt ganz langsam Fahrt auf. Was für ein bezauberndes Gefühl! Ich bin so glücklich und aufgeregt, dass ich mich nicht mehr hinlegen kann, geniesse die Frische, das leise Gurgeln der Bugwelle in der Stille und den Sonnenaufgang. 

Am Mittag erreicht der Wind bereits knappe 25 kn, ich komme gut voran. 
Von Zeit zu Zeit kriecht ein unangenehmer Duft aus einem Stauraum. Ich nehme alle Kartoffeln heraus und prüfe jede einzelne Knolle. Die grässlich stinkenden, halbflüssigen Kartoffeln schmeisse ich angeekelt über Bord. Die Angefaulten schneide ich aus und bereite einen riesigen Vorrat Bratkartoffeln zu. 

Montag 3. Dezember – Montag, 10. Dezember 2018
Im Adventskalender finde ich heute zwei Packungen „Fisherman’s Friends“.In einem Briefchen steht, wozu sie nützen sollen. Ich lasse also die Fischerleine raus und nehme ein Bonbon in den Mund. Keine zwei Minuten später wird das Gummiseil voll durchgespannt und das Silch fährt seitlich weg!
Ich kann mein Glück nicht fassen und ziehe den wunderschönen Thunfisch rein. 6.9 kg! Der Brocken ist viel zu gross für mich alleine! Ich schneide nur die dicken Filets heraus, den Rest werfe ich über Bord. 
Beim nächsten Fischen werde ich nur ein halbes „Fisherman’s Friends“ in den Mund stecken… 

Dank „Fisherman’s Friends“ innerhalb 2 Minuten einen Prachtfisch!
Der Menüplan ist für die nächsten Tage gemacht: Leckere 5.5 kg Filets.
Bescheidenes Mittagessen für 1 Person (endlich stimmt das Verhältnis Fisch-Beilage…)

Dienstag, 4. Dezember 2018, 9:55 UTC
Lieber Peter
YB Tracker meldet um 8:00 Kurs 138° und 1,1 kn. Das gefällt mir gar nicht.
Jetzt ist das T 991 bei 36S/ 50W und zieht ostwärts. Zwischen dem kommenden Hoch mit 1030 gibt es sehr starken SW Wind, z.B. Bei 35/45 am Freitagnachmittag von 30 bis 50 kn, leicht weniger bei NOAA. Das Gute, der starke Wind nimmt in der Nacht auf Samstag ab. SW bleibt aber. Ich befürchte, dass du viel zu weit nach Osten gerätst. Und wenn du bei 40/40 ankommst, glaube ich nicht mehr, dass du es zu den Falklandinseln schaffst. Es ist sowieso eine zweite lausige Woche, die verbringst du besser in Küstennähe. 
Ich hoffe, dass in deinem nächsten Advenspäckli ein Zauberstab ist, sodass du den Wind drehen kannst. Ich werde mich für meine nächste Fahrt auch mit Fisherman’s Friends ausrüsten. Also solange die Fische nicht einmal 10 kg schwer sind, glaube ich es dir ohne Beweise und es freut mich, dass du ein so erfolgreicher Fischer geworden bist. 5 kg ist ja schon viel, das kannst du fast nicht essen. Wir haben das Fleisch in schmale Streifen geschnitten und einige Tage an Deck getrocknet. Hat gut funktioniert und waren lecker. Aber bei deinen Wetteraussichten wird das nicht gehen. Schade. 
Lieben Gruss Peter

Die Dünung wird höher, ein vorbeifahrender Frachter verschwindet immer wieder hinter den Wellenbergen.

Der leichte E-Wind dreht am Dienstag über N nach NW und nimmt stetig auf 35 kn zu. 
Am Mittwoch, 5. Dezember dreht er weiter auf SW und pfeift wie vorausgesagt mit konstanten 40 bis 45 kn aus SW, starke Böen oben drauf. Unter Sturmbesegelung kreuze ich gegen den Wind. Pagan wird teilweise grob auf die Seite geschleudert, krängt, stampft, wird regelmässig von Wellenbergen ausgebremst und Brecher knallen auf Deck. 
Ich bin unendlich froh, ein so starkes, zuverlässiges Schiff zu haben. Auf Pagan kann ich mich verlassen und fühle ich mich sicher. Sie ist einfach eine Klasse für sich! 

Ich bin total fasziniert von den Naturkräften.

Drei Tage hält das Wetter an. Ich kann mich nur schlecht ausruhen, bin angespannt, immer einsatzbereit. Ich schütze mein Bett mit der wasserdichten Segelpersenning, lege mich im Ölzeug jeweils für einige Minuten hin und versuche mich zu entspannen.
Die beiden Windgeneratoren schwirren und laden die Batterien dauerhaft mit 40 bis 50 Ampere. Alle Instrumente, Geräte und Lampen sind an, der Kühlschrank ist eine Tiefkühltruhe und trotzdem habe ich viel zu viel Energie. Die überschüssige Energie wird in Wärme umgewandelt und kriecht als warmer Wind unter dem Kartentisch hervor und trocknet meine nassen Schuhe und Stiefel.

Der stürmische Wind fegt mit kurzen Unterbrüchen bis am Sonntag, 9. Dezember. Plötzlich bemerke ich schockiert, dass der Splint, der den Bolzen im Spanner des Vorstages sichert, weg ist. Der Bolzen schaut nur noch wenige Millimeter aus dem Loch und könnte jeden Augenblick herausspringen! Eine Katastrophe, das Vorstag würde mitsamt der Genua wegfliegen und vielleicht einen Mastbruch verursachen! Pagan wurde über Tage heftig seitlich ins Wasser geschmettert. Diese seitlichen Schläge haben den Splinten abgeschert. Ich stürze zu den Werkzeugen, hole den schweren Hammer und knalle den Bolzen mit einem einzigen gezielten Schlag zurück. Das habe ich wohl in letzter Sekunde geschafft. Danach sichere ich alles, diesmal noch starken Hartgummi zwischen die Unterlagscheiben, um die auftretenden Schläge etwas abzufedern.Mit einem Dyneema-Seil sichere ich alles noch doppelt, falls alles versagen sollte.
Ich bin meinen Schutzengeln sehr dankbar, dass sie mich vor einer Katastrophe bewahrt haben!

Dienstag, 11. – Donnerstag, 27. Dezember 2018
… und hätte ich die folgenden beiden Wochen nicht selber erlebt, würde ich nichts davon glauben! 

Über diese intensiven Tage könnte ich Stunden, ja Tage erzählen. Bestimmt werde ich ihnen in meinem Buch ein eigenes Kapitel widmen. Sie haben mir unendlich viel geschenkt aber auch viel abverlangt.
Hier nur einige wenige Eindrücke: 

Die Wetterprognosen sehen über Tage ähnlich aus, tönen unglaubwürdig – aber treffen zu! 

Mittwoch, 12. Dezember 2018, 9:38 UTC
Lieber Peter
Ein Blick bei ECMWF ist ab Donnerstagnachmittag grauenhaft. Aus der Bucht von Montevideo kommt ein Starkwindgebiet, welches sich grossflächig ausbreitet. In der Nacht auf Freitag mit NE von Böen bis 49 bei Luck weniger aber die Prognose ist älter als die andere. Am Freitagnachmittag ist es vorbei. Es folgt leichter W dann SW und wieder W bis NW und ab Sonntagnacht Südwind…
Der Wind dreht über S, E nach NE. Und bringt am Donnerstagabend sehr viel Regen mit dem starken Wind.
Lieben Gruss Peter

Sonntag, 16. Dezember 2018, 16:15 UTC
Lieber Peter
„Only fools and racing people are sailing against the wind“, woher mein Vater diesen Spruch hatte, weiss ich nicht. Da ich weder das eine noch das andere bin, halte ich mich (wenn möglich) daran. Und wie du sagst, macht Segeln so Spass.
Das Erlebnis, das du bald machen wirst, verstehe ich seit je her nicht. Auf wenigen Meilen wird der 30 kn NW Wind verschwinden und ein bald ebenso starker Südwind einsetzen. Wie geht das?
Es ist der Wind des neuen Hochs. Er dreht recht schnell von S auf E bis N. Das Hoch ist am Dienstagmittag bei 40/56 und hat ein grosses windloses Zentrum. Du hast einige Stunden Flaute aber dann ist bis am Mittwochmittag oder 45/60 starker Nordwind angesagt. Nützen dir Prognosen über mehr als zwei Tage überhaupt etwas?
Lieben Gruss Peter

Oft ziehen solche Fronten über mich. Der Wind frischt dann jeweils innert weniger Sekunden bis Minuten
von 5 auf teilweise über 50 kn auf. 
Prächtige, friedliche Abendstimmungen, die mich zum Träumen bringen. 
Märchenhafte Begegnungen mit Vögeln, Seelöwen, Delfinen, Schwert- und Glattwalen.
Wir schliessen Freundschaften und führen intensive Gespräche.
Stürmische Winde machen sich so laut heulend über Pagan her, dass es ganz still wird. 
Nebel, der immer wieder alles wie hinter einem Vorhang verbirgt, um danach das nächste Wunder an den Tag zu befördern.
Weihnachten 2018: Flaute, türkisblaues Wasser wie in der Südsee, unvergessliches Weihnachtsfest zusammen mit vielen Tieren.
Vollmond, der während der Nacht den Weg weist…
… und tausende Kristalle auf die Wasseroberfläche zaubert.
In Chile sagt man über die Toten:
„Today they fly on the wings of the albatross towards eternity, in the high cry of the Antarctic winds“. 

Freitag, 28. Dezember 2018
Mit dem ersten Tageslicht tauchen die ersten Umrisse der Falklandinseln auf. Ein eigenartiges Gefühl nach 63 Tagen auf dem Meer. Hochstimmung? Ein bisschen schon verbunden mit Dankbarkeit und bereits ein bisschen Wehmut, da mir diese Überfahrt so unendlich viel geschenkt hat!

Land in Sicht!

Ein wunderbarer Empfang: Delfine geleiten Pagan und mich vorbei am Volunteer Point weiter südlich bis zur Einfahrt der Port William Bucht. 

Dünenlandschaft entlang der Küste von Port William. Mit dem Feldstecher erkenne ich, dass die vielen kleinen,
schwarzen Punkte Pinguine sind.

Um 21.30 Uhr erreiche ich nach 63 Fahrtentagen und 6‘414 sm Stanley Harbour und ankere in der Nähe des Jettys auf 10 m Wassertiefe. Zur Sicherheit stecke ich 80 m Kette, denn der Wind bläst ganz ordentlich.

Ich bin froh und dankbar, dass meine Segelreise bis hierhin so gut geklappt hat. 
An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bei Gertrud und Peter mit Familie für die wertvollen Wetterprognosen und die vielen ermutigenden, beruhigenden, witzigen und amüsanten Nachrichten auf dieser Überfahrt bedanken!